Okulation oder Augenveredlung
 


Die Okulation ist eine klassische Sommerveredlung, die je nach Witterung im Juli/August durchgeführt wird. Theoretisch kann auch im Frühjahr (Mai bis Juni) auf das treibende Auge veredelt werden, was in der Praxis aber nur wenig gemacht wird. Wie beim Chip-budding wird nur ein Auge übertragen. Man verwendet hierzu am besten ein Okuliermesser.

Edelreiser vorbereiten
Die Edelreiser selbst werden erst unmittelbar vor der Veredlung (am besten am Morgen, wenn sie noch frisch sind) geschnitten. Verwendet werden hierzu Augen von ausgereiften, diesjährigen Trieben. Die Spitze der Triebe mit kleinen, schwachen Augen ist weniger geeignet. Als Vorbereitung vor den eigentlichen Okulationsschnitten werden die Blätter entfernt, so dass nur ganz kurze Stummel stehenbleiben. Sie sind beim Veredeln zum Einsetzen des Auges noch hilfreich. Zur Kurzzeitlagerung der Reiser eignet sich auch in ein feuchtes Tuch.

Unterlagen vorbereiten
Kurz vor dem Veredeln werden vorhandene Seitentriebe entfernt und die Wurzelhälse mit einem feuchten Tuch gesäubert. Ein Prüfen der Rindenlöslichkeit einige Tage vor dem Veredeln ist vorteilhaft. Löst die Rinde nicht, muss der Termin verschoben werden. In Bauschulen wird zum besseren Lösen vor dem Veredlungstermin der Boden flach bearbeitet und kräftig gewässert.

Sind die Unterlagen, bzw. Wildlinge aufgeschult, werden die Triebe zum Veredeln zur Seite gedrückt. Die Veredlungsstelle liegt optimaler Weise auf der Luvseite (der Hauptwindrichtung zugewandt), da hierdurch das Auge nicht von der Unterlage weggedrückt werden kann.

Okulation Schritt für Schritt (für Rechtshänder)
Um vom Edelreis das erwünschte Schildchen mit dem Auge zu gewinnen, setzt man zunächst unterhalb des Auges mit einem Okuliermesser flach an. Das Reis liegt hierbei so in der Hand, dass die eingekürzten Blattstiele auf den Körper zeigen.

Der Daumen wird auf das Reis aufgesetzt und führt den flachen Schnitt des Okuliermessers in Richtung Körper. Der Schnitt wird bis etwa 2 cm hinter das Auge geführt. An dieser Stelle sollte das Messer bereits wieder dicht unter der Rinde angelangt sein. Durch Weiterführung der Schnitt- bzw. Zugbewegung wird die Rinde vom Holz gelöst.

Die sich lösende Rinde kann dann nach 4 bis 5 cm mit dem Messer durchtrennt oder auch bis zum selbstständigen Lösen abgezogen werden. Nach dem Lösen wird das Augenschildchen mit der linken Hand am kurzen Stengelstummel gefasst (alternativ kann man das Schildchen auch am langen Ende halten, das man nach dem Einsetzen abschneidet). Das dünne Holzschildchen an der Rückseite des Auges kann man belassen. Wird es gelöst, läuft man Gefahr das Auge zu verletzen.

Als nächstes wird die Unterlage direkt am Wurzelhals mit einem T- Schnitt zur Aufnahme des Edelauges vorbereitet.

Zunächst wird mit dem Okulationsmesser ein Querschnitt durchgeführt. Von der Mitte des Querschnittes beginnend, führt ein senkrechter Schnitt bis etwa 3 cm gerade nach unten. Beide Schnitte vereinen sich zu einem T. Der Schnitt durchschneidet nur die Rinde und geht nicht in das Holz. (Bei besonders dicken Augen kann man an Stelle des T-Schnittes auch einen Kreuzschnitt durchführen. Das eingesetzte Auge liegt dann in der Mitte).

Mit Hilfe des Lösers auf der Rückseite des Okuliermessers lässt sich die Rinde links und rechts des senkrechten Schnittes leicht zur Seite anheben. Nachdem einer der Rindenflügel etwas angehoben wurde, löst man auch die rechte Seite vom Holzteil und formt somit eine Art Tasche, in die das Auge eingeschoben werden kann.

Um das Auge in die richtige Position zu bringen, kann auch mit dem Löser des Veredlungsmessers etwas nachgeholfen werden. Das über den Querschnitt der Unterlage hinausragende Rindenstück des Schildchens wird abgeschnitten.

Zum Verbinden des Edelauges gibt es verschiedene Varianten. Früher wurde mit Bast verbunden, mittlerweile hat sich der sog. Okulationsschnellverschluss (OSV) durchgesetzt. Im Gegensatz zum Bastverband ist hier ein nachträgliches Lösen nicht notwendig. Die Gummimanschette zerfällt nach einiger Zeit und gibt das mit der Unterlage fest verwachsene Auge selbst wieder frei. Es kann manuell auch leicht entfernt werden. Die Manschette wird hierbei einfach über die Okulationsstelle gespannt und mit Hilfe der Klammer befestigt. Alternativ ist auch ein Verbinden mit dem Veredlungs- Gummiband möglich.

Schon 2-3 Wochen nach der Veredlung kann man an Augen mit Blattstielen feststellen, ob das Anwachsen geglückt ist. Die Augen erscheinen prall gefüllt. Die Blattstiele lassen sich leicht entfernen oder sind bereits abgefallen.

Durch rechtzeitige Erfolgskontrolle kann man, so erforderlich nachokulieren. Dies erfolgt etwas unterhalb der nicht geglückten Veredlungsstelle. Alternativ okuliert man im nächsten Frühjahr oder Sommer erneut.


Fotos: Thomas Neder

       

Nach dem Einsetzen des Edelauges wird mit der Okulette oder mit einem Gummiband verbunden. Der Austrieb erfolgt erst im nächsten Frühling.