Der Winterling – Ein leuchtender Frühlingszwerg
 

(TN) Laubwälder mit Auwaldcharakter sind einzigartige Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Bevor das grüne Laubdach seinen dichten grünen Schirm schließt und das Licht nur noch gedimmt auf den Boden fällt, ist der humose lockere Waldboden in vielen naturnahen Parks oder an Naturstandorten mit fast endlosen Blütenteppichen überzogen. Gelb, rosa und weiß leuchtet ein Blütenquintett bestehend aus Winterling (Eranthis hyemalis), Buschwindröschen (Anemone nemorosa), Waldwindröschen (Anemone ranunculoides), Lerchensporn (Corydalis cava) und Bärlauch (Allium ursinum) schon aus der Ferne. Die kleinen Blütenzwerge haben es alle eilig. In einem Wettlauf mit der Zeit geht es darum, das energiereiche Licht, das jetzt noch fast ungebremst auf den Waldboden trifft, zu nutzen und in kürzester Zeit vom Austrieb bis zur Blüte und Samenbildung alle Entwicklungsstadien zu durchlaufen, bevor der dichte Laubschirm der Gehölze sich wieder schließt und es in die lange Sommerpause geht.

Wer die weißen, rosa und gelben Blütenzwerge im Garten dauerhaft ansieden will, sollte sich die Natur zum Vorbild nehmen. Für eine Ansiedlung bieten sich vor allem lockere Gehölzbestände an, unter denen das Laub liegen bleiben durfte und darf. Am besten hat es schon im Laufe der Jahre eine ausreichende Humusauflage gebildet. Herab fallendes Laub, schützt in der kalten Jahreszeit die empfindlichen Überwinterungsorgane und liefert durch allmählichen Zerfall eine langsam fließende, mild wirkende Nährstoffquelle. Eine natürliche Laubschicht verhindert in der kurzen Vegetationsperiode ein Austrocknen des Bodens. Dies ist für die Rhizom-, Zwiebel- und Knollengewächse besonders wichtig.

Oft zur Gewohnheit gewordene Gartenarbeiten wie Laubharken, Hacken und Bodenbearbeitungsmaßnahmen im Bereich der Gehölze wirken dem Ausbreitungsdrang der Mullbodenkriecher-, Zwiebel- und Knollenpflanzen entgegen und verhindern eine dauerhafte Ansiedlung. Ein weiteres handicap für eine erfolgreiche Einbürgerung im Garten besteht dann, wenn die Wurzeln alter Gehölzbestände bis an die Oberfläche mattenartig verflochten sind und sich keine neue Humusauflage bilden konnte. Hier kann man versuchen, mit einer 10 bis 20 cm hohen Auflage aus Rindenkompost, Lauberde oder Kompost passable Lebensbedingungen zu schaffen. Bietet sich die Möglichkeit, im Zuge von Laubarbeiten im Herbst Mischlaub zu bekommen, sei es aus der Nachbarschaft oder von kommunalen naturnahen Parks, sollte man ruhig zugreifen und für eine lockere etwa 5-7 cm hohe Laubdecke unter den Sträuchern sorgen. Auch konventionelle Staudenpflanzen lassen sich auf diese Weise gut „abmulchen“. Ganz nebenbei beimpft man hierdurch seinen Garten oft mit Samen der grazilen weißen Sternmiere (Stellaria holostea) oder des gelben Frühlings-Scharbockskrauts (Vicaria verna).

Kaum ist der Schnee geschmolzen, verwandelt der Winterling sonnenexponierte Gehölzränder in einen gelben Blütenteppich. Mit seiner leuchtend gelben Blüte zählt er zu den allerersten Frühlingsgeophyten, liefert sehr zeitig im Jahr für die Bienen mit den ersten Pollen und Nektar und weckt bei den Gartenfreunden die Hoffnung auf einen baldigen Frühling.

Die ursprüngliche Heimat des Winterlings (Eranthis hyemalis) liegt in den feuchten Laubwäldern Südeuropas. Von Südfrankreich über Italien und Bulgarien kommt er bis in die Türkei wild vor. Die ersten Berichte über den Winterling in deutschen Gärten datieren auf das Jahr 1588 zurück. Richtig populär wurde er allerdings erst Ende des 18. Jahrhunderts, als er großflächig in Landschaftsparks gepflanzt wurde. Dort ist er vielerorts verwildert und leutet das Gartenjahr mit einem wahren Farbspektakel ein.

So schnell wie er auftaucht, verschwindet er auch wieder. Schließt sich das Kronendach der Bäume und Sträucher, ist der Winterling schon wieder auf dem Rückzug und überdauert mittels einer dicht unter der Erdoberfläche versteckten Knolle bis zum nächsten Frühjahr. Für seine rasche Verbreitung sorgen auch Ameisen, die am nährstoffreichen Samenanhängsel gerne naschen und es verschleppen.

Die im Fachhandel erhältlichen kleinen Wurzelknollen kann man vor dem Ausbringen eine Nacht in Wasser legen, bevor man sie ca. 5 cm tief steckt. Hat sich der Winterling bereits im Garten etabliert, kann man größere Horste auch nach der Blüte teilen und an anderen Stellen auspflanzen. Wer etwas Geduld hat, kann die reifen Samen ernten und an ausgewählten Stellen flach in die Erde drücken. Mit der Blüte dauert es in der Regel allerdings 2-3 Jahre. Neben der heimischen Art Eranthis hyemalis, gibt es auch den dunkelgelben großblumigen Eranthis cilicia aus holländischer Kultur, der sich auch für Töpfe eignet.

Fotos: Thomas Neder